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www.suhrkamp.de > Urs Faes


Paarbildung, 2010

Neue Zürcher Zeitung, NZZ, 21. September 2010

Dem Leben zugewandt
Mit «Paarbildung» legt Urs Faes einen eindrücklichen neuen Roman vor

Von Sibylle Birrer
Über Krankheit fiktional zu schreiben ist ein heikles Unterfangen. Schnell ist die Schwelle zur Betroffenheitsliteratur überschritten, noch schneller der Verdacht erweckt, hier imaginiere sich jemand unbedarft bis anmassend in fremde Schmerzwelten hinein. Dies gilt erst recht, wenn es sich dabei um das Thema Krebs handelt. Denn zum einen haftet der Krankheit nach wie vor sowohl der Nimbus des heimtückisch Tödlichen als auch ein komplexes Bedeutungsfeld aus Tabus und metaphorischen Mutmassungen an. Zum anderen transportiert die Thematik zwangsläufig persönliche Assoziationen und Betroffenheit: In Europa, wo im Schnitt bald jede dritte Person an Krebs erkrankt, kommt niemand umhin, sich früher oder später das onkologische Grundvokabular anzueignen.
Doch genau bei dieser Herausforderung setzt Urs Faes mit seinem neusten Roman «Paarbildung» an _ und meistert sie auf beeindruckende und zugleich berührende Weise. Wie begegnen sich eine Frau und ein Mann, die sich nach langen Jahren des Getrenntseins im «Ausnahmezustand Krebs» wieder begegnen? Er, Andreas Lüscher, arbeitet als Gesprächstherapeut auf der Onkologiestation eines Krankenhauses. Sie, Meret Etter, sieht sich in ihrer Lebensmitte mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert. Einst verband die beiden über Jahre hinweg eine Liebesbeziehung, nun kreuzen sich ihre Wege auf der radiologischen Abteilung, wo Meret nach der Operation und Chemotherapie sich der _ hoffentlich _ abschliessenden Bestrahlungsbehandlung unterzieht.
Am Anfang steht der Schreck, das Nicht-wahrhaben-Wollen: Eine Röntgenaufnahme, eine Patientennummer, ein verordnete Strahlendosis _ kann hinter diesen fragmentierenden, letztlich so eindimensionalen wie statischen Daten tatsächlich die Person stehen, mit der man einst Sinnlichkeit und Raum erfahren hat? Vorerst ganz aus der personalen Perspektive von Andreas schreibt sich Urs Faes in das Vakuum aus tödlicher Bedrohung, medizinischen Kampfmassnahmen und menschlicher Betroffenheit hinein. Doch schon bald erhält auch Meret eine ganz eigenständige und vor allem glaubwürdige Stimme. Im Wechselschritt der beiden Stimmen gelingt es dem Autor auf subtile Weise, dieses Vakuum nach und nach mit einer Geschichte zu beleben, die je länger je weniger vom Kampf gegen das Kranksein handelt als von der Herausforderung, das Leben mit zwischenmenschlicher Würde zu bestehen.
In drei Teilen führt der Roman «Paarbildung» zugleich durch Merets abschliessende Behandlungsphase und hinein in die Erinnerung an eine Liebesgeschichte, in der zwei Menschen sich mit selbstverständlicher Unachtsamkeit abhanden kommen, letztlich unwissend weshalb. Mit ausgereiftem dramaturgischem Geschick platziert Urs Faes dabei seine Protagonisten immer wieder zwischen den ebenso selbstverständlichen Antipoden Leben und Tod _ ohne Pathos, doch mit der Aufmerksamkeit eines Autors, der zurecht ganz seiner gestalterischen Kraft vertraut und sich damit ausschliesslich auf seine Figuren verlässt. Nichts bedarf des Kommentars, alle Reflexion ist ins Erleben der Protagonisten verlegt.
Wohl hat sich Urs Faes diesen Anspruch der literarischen «Durchdringung» seiner Figuren längst zum Prinzip gemacht. In seinem achten Roman verschmelzen nun aber die Thematik und ihre literarische Umsetzung in so berührender wie vereinnahmender Weise. Zum einen gelingen Urs Faes _ sei es in der Natur oder im technisierten Krankenhausalltag _ präzis verknappte Stimmungsbilder, vor denen die Figuren ihre Tiefenwirkung entfalten können. Zugleich erhält der Roman im Wechselspiel zwischen Evozieren, Erzählen und vor allem auch Auslassen eine unprätentiöse Dichte und überraschende Leichtigkeit in einem.
Zum anderen ist in «Paarbildung» von Anfang bis Ende spürbar, dass dieser literarischen Auseinandersetzung eine vielschichtige, nachhaltig reflektierte Erfahrung zu Grunde liegt. Tatsächlich hatte Urs Faes während eineinhalb Jahren den Auftrag, als «sprachlicher Beobachter» die Arbeit einer Onkologiestation zu begleiten – eine wahrlich umsichtige und hoffentlich zukunftsweisende Aufgabe, zumal sich das Sprechen über Krebs auch 30 Jahre nach Susan Sontags anklagendem Essay «Krankheit als Metapher» noch immer in der Metaphorik des Krieges abspielt.
In «Paarbildung» ist nun aus dem intensiv Erlebten eine sublime Fiktion geworden, die nicht nur die bizarre Macht der Krankenhaussprache reflektiert und unterwandert, sondern einem auch über die letzte Buchseite hinaus mit dem leisen Gefühl begleitet, dass die Demut vor dem Leben im ganz Kleinen und Unspektakulären beginnt.

Urs Faes: Paarbildung. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2010, 192 Seiten., 30.50 Fr.


Weitere Rezensionen:
Basler Zeitung vom 6.8.2010
Sonntag, 19.9.2010
NZZ am Sonntag, 26.9.2010
Sonntagszeitung, 7.11.2010
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 13.11.2010 Daraus ein Zitat:
Urs Faes hat sich in seinem neunten Roman viel vorgenommen — und es gelingt ihm mit Bravour, obwohl die Liebeskonstellation aussichtsloser und tragischer nicht sein könnte. Aber die Gratwanderung zwischen sachlicher Krankheitsschilderung und erzählerischer Leichtigkeit gelingt ihm so gut, dass man diese Geschichte trotz der verstörenden Krankheit als zarte, große Liebesgeschichte liest. Was umso verblüffender ist, als sie in einem kargen, sehr pointierten Stil geschrieben ist und die Protagonisten in fast allen entscheidenden Momenten schweigen. Es gibt kaum Dialoge in diesem Roman, und die wenigen wirken steif und qualvoll, weil die Figuren stammeln und sich verhaspeln, sobald sie etwas von sich erzählen sollen, und über die wichtigsten Dinge können sie gar nicht sprechen. Die Kunst des Autors ist dem Dialogischen genau entgegengesetzt: Er spiegelt das Seelenleben seiner verschlossenen, wortkargen Figuren so beredt in kleinen Gesten oder im Licht über einer Landschaft, als würden Meret und Andreas in jedem Satz ihre Liebessehnsucht und ihren Einsamkeitsschmerz herausschreien.

Kurzzusammenfassung von Paarbildung für 52 Beste Bücher
52 beste Bücher: Urs Faes: Paarbildung. Der Autor im Gespräch mit Felix Schneider, live aus dem Kulturcafé im unternehmen mitte.

Sonntag, 26. September, 11.00-12.00, DRS2

Der Psychologe Andreas Lüscher beobachtet und berät als Gesprächstherapeut Ärzte und Patienten in der onkologischen Abteilung eines Spitals. Eines Tages liegt auf seinem Pult die Krankenakte einer Patientin, deren Namen ihm vertraut ist:  Mit Meret Etter hat ihn vor Jahren eine intensive Liebe verbunden. Sie engagierte sich damals bei den Zürcher Jugendunruhen, war eine kämpferische Juristin und leidenschaftliche Harfenspielerin. Die Wiederbegegnung nach langen Jahren der Trennung im Zeichen der tödlichen Bedrohung wirft die Frage auf, ob Liebe, Erinnerung und Sprache unter diesen Umständen dem Leben noch einen Sinn geben können.
Der neue Roman von Urs Faes („Liebesarchiv“, „Als hätte die Stille Türen“, „Und Ruth“) ist eine atemberaubende Geschichte um Leben und Tod.
(Z: Samstag, 02. Oktober, 20.00, DRS2)


Schlagzeile:
„Paarbildung“, der neue Roman des Schweizer Autors Urs Faes, erzählt von der Liebe in der Krebsstation eines Spitals. Urs Faes stellt diese atemberaubende Geschichte vor: in der Sendung „52 Beste Bücher“, Sonntag, den 26.  September um 11 Uhr morgens.

Eigentlich ist Andreas Lüscher Unfallpsychologe. Seit er jedoch eine Stelle als Gesprächs- therapeut in der onkologischen Abteilung eines Krankenhauses hat, bestimmen Vokabeln aus der Krebstherapie seinen Arbeitsalltag: Dosisfraktion, Rezidivrisiko, Paarbildung. Ihn, der lieber beobachtet als mittendrin steht, der lieber Distanz wahrt, als zu nahe zu kommen, fasziniert
das Verhältnis zwischen Patient und Arzt, die Bedeutung von Kommunikation, von Worten.
Bis er eines Tages auf die Krankenakte einer Patientin stösst, deren Namen ihm vertraut ist:
Mit Meret Etter hat ihn vor Jahren eine intensive Liebe verbunden, sie ist eine Frau, die mitmischte bei den Zürcher Jugendunruhen, die sich beim Harfespielen selbst vergessen konnte, eine Juristin, die mit Leidenschaft gegen das Unrecht kämpfte. Jetzt steht ihr ein Kampf ganz anderer Art bevor. Und es ist die Frage, ob die Wiederbegegnung mit Andreas Lüscher, nach sechzehn Jahren des gegenseitigen Schweigens, ihr ihre Lage erleichtert. Und ob es klug ist, wenn sich beide mit den Gründen für dieses Schweigens auseinandersetzen.
Suggestiv, leicht und präzise erzählt Urs Faes in seinem neuen Roman vom Kampf mit einer Krankheit, vor allem aber von der Auseinandersetzung zweier Menschen mit sich selbst und der eigenen Vergangenheit.

Liebesarchiv. Roman (2007)

Das „Liebesarchiv“ ist nur vordergründig eine Sammlung von Andenken, die der Vater seinem Sohn, dem Erzähler, hinterlassen hat. Es ist auch das Archiv seiner eigenen Liebesgeschichten, die eines heranwachsenden Knaben und der Entwicklungsroman eines jungen Mannes. In beiden Fällen ist die Beschäftigung mit der Vergangenheit schmerzlich.
Faes’ neuer Roman ist Teil einer Trilogie von Romanen, die alle diesen historischen Kontext der Zeit des Zweiten Weltkriegs evozieren, das Identitätsproblem auf je ganz verschiedene Weise abhandeln. Das Thema der Schuld ist ein Mehrfaches: Die Schuld der Soldaten, an der Grenze Juden in den sicheren Tod zurück geschickt zu haben, dann das Leben und Durchstehen von Beziehungen, die für alle belastend waren. Spät erst erfährt der Erzähler, dass sein Vater zwei Identitäten hatte, eine ihm völlig unbekannte, ein Leben mit seiner Geliebten (einer verheirateten Frau, deren Mann sich dann umbringt und im Fluss bis zum Wohnort des Vaters getrieben und dort gefunden wird) im „Liebesnest“ weit weg von seinem Zuhause. Urs Faes gestaltet einen tief empfundenen Stoff, es ist ein Text entstanden, der Probleme mit Vater und Mutter überzeugend darstellt, die Unwissenheit über ihre Lebensumstände und das Leiden darüber sind gut nachvollziehbar.

Als hätte die Stille Türen. Roman (2005), Hörbuch (2006)

Alban Berg hatte, was seine Sehnsucht nach Hanna Fuchs-Werfel betrifft, denkbar schlechte Karten. Er selbst war gebunden, dazu kam die geografische Distanz, die Strecke Wien-Prag. Obwohl David und  Simone im Jahr 1999 diese Probleme nicht hatten, scheint die Liebe nicht
einfacher geworden.
Der Mensch, sagt schon Augustin, ist viel stärker liebesbedürftig als erkenntnisbedürftig. Bedürftig, auf liebende Bejahung angewiesen. So erzählt das Buch Möglichkeiten der Liebe, aber eben auch Schwierigkeiten, gerade heute. Auch David und Simone haben ihre Sehnsüchte, Lebensgeschichten, Erfahrungen. Zusammensein ist so schwierig wie das Alleinsein. Dem modischen Singleleben droht die Vereinzelung, der Autismus. Was tun? David und Simone zögern, Aber die Liebe lässt sie gehen. Immerhin.
Ein weiteres Thema ist in diesem Roman das Unterwegssein. Alban Berg reist und auch David
Rudan macht eine weite Reise. Rastlosigkeit und Erinnerung scheinen in einer psychologisch prekären Wechselwirkung zu sein. Reisen ist immer auch ein Aufbrechen aus Gewohnheiten, die das Leben ersticken, aus Mustern und Zwängen des Alltags. Es ist aber auch Erinnerung, Rückfahrt dahin, wo die Prägungen sind, die frühen, unverdauten, wenn sie erinnert, also in Bildern gebannt werden, in Geschichten, erlauben sie das Loslassen. Das kann ein kleiner Schritt sein zu dem, was wir sind, zum Werden, das uns auferlegt ist, zum Menschsein vielleicht.
(Aus einem Interview der Aargauer Zeitung mit Urs Faes, 2005)

Und Ruth. Roman (2001)

Die Frau am Bahnhof, ist es wirklich Ruth, die geheimnisvolle Freundin eines Mitschülers auf
der Klosterschule, kaum verändert nach all den Jahren? Oder nur eine Einbildung? Es ist eine irritierende Liebesgeschichte. Plötzlich, unabweisbar tauchen im Rückblick Erinnerungsbilder
auf aus einer Welt, die jahrzehntelang versunken war. Eine Eisenbahnbrücke wird sichtbar, ein Stauwehr, eine Totenwache. Der Erinnernde tastet sich zögernd zurück und vergegenwärtigt sich: den ersten Schultag, die strengen Regeln des Zusammenlebens im Internat, die Bösartig- keit der Jungen, aber auch das Schweigen zwischen ihnen, die Rivalitäten und Intrigen, die Eigenarten der Lehrer, die ersten Erfahrungen mit Liebelei und Liebe. Immer wieder gehen die Erinnerungen zu Erich, dem verletzlichen Zimmergenossen von damals, der von anderen verspottet wurde und--uneingestanden--beneidet. Das Erinnern gerät ins Stocken und setzt immer wieder neu ein.
Was waren das für Briefe, die Erich zu seiner Verzweiflungstat trieben? Wer schrieb sie? Und
welche Rolle spielte Ruth bei allem? Immer wieder werden einzeln Motive umkreist; wie
Mosaiksteine fügen sich langsam die Details zu einem Bild, wird das Unaussprechliche benennbar: einer ist gegangen. Erich. Und Ruth? Urs Faes' Roman fragt mit bohrender
Intensität nach Verantwortung und Schuld, ohne durch einfache Zuweisungen Entlastung
zu gewähren.

Ombra. Roman (1997)

Ombra--nennt Urs Faes seinen Roman, in Anspielung auf die erdfarbenen Braun- und Ockertöne Umbriens, die sich in den Farblandschaften des mittelitaliensiche Malers Piero
della Francesca wiederfinden.
Ombra--die Sprache der Schatten, die die frühe Renaissancekunst im Kontrast von Licht
 und Schatten wiederentdeckte, "luce e ombra".
Ombra--ein Spiel mit Schatten ist dem Ich-Erzähler sein Weg auf den Spuren des vermisst-
en Freundes Lem.
Die Suche führt in das umbrische Dorf, in dem der verschollene "Professore" seit Jahren
wohnt. Auf "Grauen Bogen" und "Weissen Blättern" finden sich die tagebuchartigen Auf-
zeichnungen zur Malerbiographie des geheimnisvollen Piero, der "Bilder malt wie Kriminal-romane", und die merkwürdige Liebe des skurrilen Dozenten Osch.
Wie Lem Steffen, der schreibende Freund seit Internatstagen, sich allmählich zur irritierend-
en Romanfigur, zum Schatten seiner selbst verfremdet, so werden wir Leser an der Seite
des Erzählers zum Detektiv: Fügen sich doch die Spiegelungen, die Spiele zwischen Licht
und Schatten, Fiktion und Wirklichkeit, Schreiben und Leben erst durch uns Lesende zu einem Ganzen. Wir sind, was wir lesen.
Die fiktive Lebensgeschichte des Renaissancemalers Piero della Francesca, die Liebesge-
schichte eines Dozenten für deutsche Sprache an der Universität Perugia und das Ver-
schwinden des kunstbegeisterten Schriftstellers Lem Steffen im umbrischen Italien unserer
Tage: "Ein Puzzle, eine Art Rätseltext, der wie in einer Detektivgeschichte auf den Spürsinn
des Lesers vertraut."


Augenblicke im Paradies.
  Roman (1994)

Dem Autor ist damit ein sehr dichtes Erzählwerk gelungen, das durch Gegenüberstellung von Gegenwart und Vergangenheit, von verpassten und verpatzten Schicksalsstunden Menschen als Gefangene ihrer selbst darstellt.
Helge Ebner-Linz, die Zeit im Buch 3/1993

Das ist eine wunderschöne, wenn auch schmerzliche Liebesgeschichte. Unaufdringlich und leise erzählt, poetisch und in heiterer Gelassenheit , alltaäglich und doch ganz besonders. Urs Faes liefert in einer behutsamen, gescheidigen Sprache das Psychogramm einer lange und trotzig währenden, am Ende aber dennoch zum Scheitern verurteilten Liebe. Das uralte Thema der Literatur ist hier auf eine fast durchweg ergreifende Weise wieder einmal gestaltet worden.
Roland Mischke, Rheinische Post, 10/2001


Alphabet des Abschieds. Roman (1991)

Wieder einmal erzählt Faes in sehr einfühlsamer, lakonischer, realistischer Prosa von einem schweizerischen Alltagsleben, hinter dessen fassadenhafte Ordnungen und Normalitäten er genaue beobachtende Blicke geworfen hat.
Werner Wunderlich, Rhein-Neckar-Zeitung 10/1994

Urs Faes bevorzugt das vertrackte, sprunghafte Erzählen. Daraus ergeben sich häufig Perspekt-ivenwechsel, die das Geschehen raffiniert brechen. Wie bei einem Karussell erscheinen die Menschen wieder und wieder, immer schneller. Und dieses schnöde Sich-Drehen ist das Leben!
"Augenblicke im Paradies" ist ein leises Buch, das sich der Effekthascherei, dem Skandalträcht-
igen und Sensationellen entzieht. Sein Gegenstand ist das Elementare und Fundamentale, das was -- ganz unspektakulär -- das Leben zusammenhält oder eben auseinanderbrechen lässt. Ein schönes Buch.
Odilo Abgottspon, Luzerner Zeitung 10/1994

Urs Faes vermeidet Plakatives -- die Symbolkraft des Erzählens offenbart sich vornehmlich in Bildern, Stimmungen und Gesprächen. Der Sprachfluss wirkt elegant, gescheidig, bisweilen wie
von schwermutsvoller Schönheit durchwirkt. Dies entspricht dem Dargestellten, insbesondere der vergeblichen Suche nach geordneten Strukturen, nach Identität, verlässlicher Heimat.
Hanns Schaub, Die Ostschweiz 10/1989


Sommerwende. Roman (1989)

Die Schweiz ist ein neutrales Land und war am Zweiten Weltkrieg nicht beteiligt. Das ist allgemein bekannt. Doch die Schweiz hat in den Kriegsjahren zahlreiche Flüchtlinge an den Grenzen abgewiesen und die bereits im Land lebenden interniert, mit Zustimmung fremden-feindlicher Teile der Bevölkerung. Auch in der Schweiz hat es eine nationalsozialistische Bewegung gegeben, die Anschläge plante und ausführte. Das ist weniger bekannt.
"Sommerwende" bringt solche Fakten nahe, ohne aufdringlich zu sein, ohne vordergründige Agitation. Es ist ein leiser, behutsamer Roman über eine zurückliegende Zeit, zart und mitfühl- end geschrieben, eine Liebesgeschichte, eine Lebensgeschichte, ein Krimi.
Melzer erhält im Ausland einen kurzen Brief von seiner Mutter: "Komm nach Hause, bitte. Mutter." Als er heimkommt, findet er seine Mutter krank, und er erfährt einiges aus ihrem Leben, was ihm bis dahin unbekannt war. Ganz neu lernt er seine Mutter kennen, und dabei verändert sich auch seine Sicht auf sein Heimatland. Von den erzählten Ereignissen aufgewühlt, versucht er, mehr herauszufinden über den Spätsommer 1941 in der Schweiz, der Jugendzeit seiner Mutter, in der seine Großmutter auf ihm bis dahin ebenfalls unbekannte Art zu Tode kam und jüdische Flüchtlinge aus dem Baltikum durch einen Brandanschlag zum zweiten Mal ihre Heimat verloren. Beide Geschehnisse haben mit Alfred Kronig zu tun - auch diesen Namen hört Melzer zum ersten Mal -, dem damaligen Knecht der Großmutter, der in der Familie wie ein Sohn lebte...
Urs Faes studierte intensiv historische Quellen und nutzte geschichtliche Nachschlagewerke. Beklemmend deutlich wird die Stimmung dieser Zeit geschildert, betroffen machend, ohne je in "Betroffenheitsliteratur" auszuarten, bewegend, aber ohne Sentimentalität, spannend, doch nie reisserisch: ein gelungenes, anspruchsvolles, gut zu lesendes Werk.
(Almut Nitzsche)

Bis ans Ende der Erinnerung, Lenos, 1983 (Roman)

Der Traum vom Leben, Lenos, 1984 (Erzählungen)

Webfehler, Lenos, 1983 (Roman)

Regenspur, Lenos, 1979 (Gedichte)

Eine Kerbe im Mittag, Sauerländer, 1975 (Gedichte)